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Dienstleistungen wurden bei uns schon immer GROß geschrieben.

Schon vor dem Krieg belieferten meine Eltern die umliegenden Gemeinden. Der Arzt bestellte überwiegend telefonisch die benötigten Medikamente für seine Patienten. Daraufhin wurden die Medikamente zusammengestellt und in Tüten verpackt. Ein Mitarbeiter hat eingepackt, ein anderer kontrolliert und zugebunden. Hierbei herrschte immer absoluter Ausnahmezustand, da man immer unter Termindruck stand. Der Fahrplan des Zuges beherrschte die Arbeitsgeschwindigkeit, damit alles rechtzeitig um 16:30 am Bahnhof eintraf. Mit einem Fahrrad wurden die Päckchen zur Bahn transportiert. Ein Päckchen links am Lenker, das andere rechts, hinten auf dem Gepäckträger – sprich überall dort, wo es möglich war, am Fahrrad etwas zu verstauen. Eine weitere Anlaufstelle zur Auslieferung von Päckchen war die Firma Kohler. Einige Mitarbeiter aus den umliegenden Gemeinden wie Niederhofen, Stetten und Kleingartach nahmen die Medikamentenpäckchen mit nach Hause und verteilten diese innerhalb der Ortschaften an die Patienten. Bei jedem Wetter gab es diesen Service der Schloss-Apotheke. Selbst bei Eis und Schnee wurde ein großes Paket mit 50-100 Päckchen pro Ortschaft im Zug, Bus oder Fahrrad zum Patienten gebracht.

Auch individuelle Medikamente für Mensch und Tier wurden von uns in großer Zahl angefertigt. Einmal kam sogar ein Heilbronner Apotheker auf mich zu, ob ich für eine Katze Tabletten herstellen könnte, da er selbst nicht in der Lage war diese anzufertigen.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere auch noch an die Contagol-Halstabletten. In der Erkältungszeit wurden oft bis in die Nacht Überstunden gemacht, da das Granulat über Nacht trocknen musste und am nächsten Morgen zu einer Tablette gepresst wurde.

Große Mengen wurden auch von der von Dr. Messerschmidt verordneten Usalin-Salbe gegen Gelenkschmerzen hergestellt. 300 Stück waren in der Winterzeit keine Seltenheit.

Auch Kuriositäten gab es nicht zu selten. Da der Apotheker eines der wenigen Autos besaß, wurden ältere und kranke Patienten auch nach Hause gefahren. Es kam auch vor, dass telefonisch Wurst und Brot bestellt wurden und alles zusammen mit dem Medikament vom Arzt an die Haustür geliefert wurde. Und wenn es auf dem Weg lag, wurden selbst Brillen zu Hause abgeholt, zum Richten gebracht und wieder zurückgeschickt. Dauerte es ein wenig länger bis die Arznei mitgenommen werden konnte, wurde das ein oder andere Mal auch mal ein Viertele nebenan zur Überbrückung getrunken.